AAT / CT

Beschreibung der Hilfeform
Das Anti-Agressions-Training / Coolnesstraining (AAT/CT) des KJL ist als ambulante Hilfeleistung für das gesamte Erfurter Stadtgebiet angelegt und kann auch darüber hinaus angeboten werden. Das AAT/CT ist eine Form der sozialen Gruppenarbeit (§29 KJHG) und steht in Verbindung mit den ambulanten Maßnahmen nach dem Jugendgerichtsgesetz (§10 JGG). Das AAT/CT kann zum einen vom Jugendamt in Form erzieherischer Hilfen vermittelt oder in Verbindung mit einer richterlichen Weisung angeordnet werden. Dabei versteht sich die Maßnahme als Alternative zum Jugendarrest.
In der Jugendanstalt Hameln wurde das AAT erstmals 1987 von Jens Weidner und Michael Heilemann mit einer Erfolgsquote von 63 % praktiziert. Das AAT/CT wird seitdem als Resozialisierungsmethode für Gewalttäter und Jugendliche /junge Volljährige mit einem hohen Maß an Verhaltensauffälligkeiten eingesetzt (Gewaltbereitschaft).
Der Arbeitsgrundsatz ist verhaltenstherapeutisch orientiert; als eine spezifische Arbeitsform kommt die konfrontative Pädagogik zum Einsatz. Durch spezielle Trainingsmodule unter Einsatz von positiven und negativen Verstärkern werden bestimmte Verhaltensweisen an- bzw. abgewöhnt. Dabei steht die Identifikation mit dem Antigewaltprinzip und die anhaltende Gewaltfreiheit des Jugendlichen im Mittelpunkt. Die bestehende Hypothese “Gewalt macht unangreifbar und Friedfertigkeit macht verletzbar” wird umgekehrt. Hierzu müssen sich die Täter mit der Befindlichkeit von Opfern auseinandersetzen, d.h. dem Täter wird die Opferperspektive nahe gebracht.

Zielsetzung
Die Zielsetzung des AAT/CT ist es, unter Einbeziehung unterschiedlichster Methoden, mittels konfrontativer Pädagogik bei Jugendlichen /jungen Volljährigen mit ausgeprägtem delinquenten Verhaltensmuster eine nachhaltige Veränderung zu bewirken. Die gesunkene Hemmschwelle zur Gewalt wird angehoben, um weiteren Gewaltdelikten entgegenzuwirken. Die Teilnehmer lernen, Verantwortung für ihre begangenen Verfehlungen (Straftaten) und für ihre zukünftigen Handlungen zu übernehmen. Dabei entwickeln sie ein gewaltausschließendes Selbstbild und verfestigen dieses. Hierbei muss der Teilnehmer seine Aggressivität zur konstruktiven, gewaltfreien Konfliktlösung einsetzen sowie seinen Verhaltenskodex durch die Erweiterung sozialer Kompetenzen in einen sozialverträglichen Konsens stellen.

Zielgruppe
Die Zielgruppe sind Jugendliche und junge Volljährige mit delinquenten gewaltanwendenden Verhaltensauffälligkeiten, Jugendliche und junge Volljährige mit einer richterlichen Weisung (§10 JGG) oder auf freiwilliger Basis nach §29 KJHG.
Ausschlusskriterien sind psychische Störungen, die therapeutischer Behandlung bedürfen, Jugendliche mit ausgeprägtem Suchtverhalten sowie Sexualstraftäter.

Das Trainerteam
Ein Trainerteam besteht aus zwei Diplom- Sozialarbeitern/ Innen (oder vergleichbarer Abschluss) mit Erfahrung im Umgang mit delinquenten Jugendlichen und deren Lebenswelt. Hinzu kommen zusätzlich Trainer und Honorarkräfte für spezifische AAT/CT und Sucht- Angebote

Räumlichkeiten und Ausstattung
Das KJL befindet sich auf einem ehemaligen Bauernhof in Erfurt- Mittelhausen. Für die Umsetzung des AAT/CT sowie der anderen ambulanten Hilfeleistungen wurde außerhalb des Haupthauses in der Mittelhäuser Strasse (nähe Finanzamt) ein Tagungsraum angemietet. Die Trainingsräume haben einen gesonderten Eingang mit Treppenaufgang und sind zweckmäßig für das AAT/CT ausgestattet (Stühle / Tische, Videorecorder / -kamera, Flipchart sowie Materialien für gruppendynamische Spiele und Maßnahmen.
Das KJL verfügt, primär für die stationären Hilfen, über einen Kleinbus, Canadier und diverse Materilien. Für erlebnispädagogische Maßnahmen können geeignete Räumlichkeiten auswärts angemietet werden.

Leistungen
Das AAT/CT des KJL ist in zwei Settings eingeteilt. Nachdem zwei Vorgespräche stattgefunden haben (ein Gespräch im Jugendamt), bei denen die grundsätzliche Bereitschaft zur Gruppenarbeit und des AAT/CT abgeklärt werden, findet die erste Phase, das offene Gruppensetting, statt. Nach aktiver Absolvierung dieser Phase beginnt das AAT/CT.

a) Das offene Gruppensetting:
Das offene Gruppensetting beinhaltet mindestens drei Sitzungen zur Vorbereitung der zweiten Phase, das AAT/CT. Es ist für 3 – 10 Teilnehmer angelegt, versteht sich als Integrationsphase und Basiskurs und erfolgt in Form einer offenen Gruppe, so dass Teilnehmer im Verlauf hinzukommen können. In dem offenen Gruppensetting steht das gegenseitige Kennenlernen, die personenbezoge Anamnese, Wissensvermittlung und insbesondere die Motivationsabklärung im Mittelpunkt. Bereits in der offenen Gruppe werden Methoden des AAT/CT angewandt (Interviews, Vertrauensbildung und Konfrontationstest).

b) Das AAT / CT:
Nach aktiver Absolvierung der ersten Trainingsphase ist der Jugendliche /junge Volljährige motiviert, interessiert und bereit für die Teilnahme am zweiten Setting, dem AAT/CT. Mindestens fünf Teilnehmer beginnen mit dem geschlossenen Trainingskomplex. Dazu wird mit dem Jugendlichen/jungen Volljährigen ein Vertrag abgeschlossen. Die Inhalte dieser Tainingeinheit umfassen:
– Analyse der Aggresivitätsauslöser
– Einzelinterviews im Beisein der Gruppe
– Tatkonfrontation durch Provokationstraining, Antiblamiertraining und der “heißen Stuhl”
– Entwicklung von Opferempathie
– Deeskalationsübungen
– Entspannungs- und Vertrauenstraining
– Attraktivitätstraining und Kompetenzenerweiterung
Die Dauer der Trainingsphase richtet sich nach der Teilnehmerzahl, umfasst jedoch mindestens 12 Sitzungen. Hierzu kommen voraussichtlich zwei erlebnispädagogische Wochenendmaßnahmen und ein Abschlussabend.
Nach erfolgreichem Absolvieren des AAT/CT nehmen die Teilnehmer des neu erlernten Verhaltenskodexes im Rahmen der Nachbetreuung noch mindestens zweimal am offenen Gruppensetting teil. Für ausgesuchte Teilnehmer kann eine freiwillige Teilnahme als Co-Trainer erfolgen. Bis zu drei Teilnehmer können so in ein nachfolgendes AAT/CT eingebunden werden. Wichtigste Bedingung hierzu ist eine hohe Identifikation mit dem Antigewaltprinzip und der anhaltenden Gewaltfreieheit.

c) Gesamtumfang (Teilnehmer, Dauer, Stunden):
Das Training findet in der Regel einmal wöchentlich mit einem Stundenumfang von jeweils mindestens drei bzw. vier Stunden für 3 – 10 Teilnehmer im offenen Gruppensetting und für 4 – 6 Teilnehmer im geschlossenen Gruppensetting statt. Die Kursdauer beträgt ein halbes Jahr, hängt jedoch von der Kurskonstellation und von der Anzahl der Teilnehmer ab. Voraussichtlich ist mit einem Stundenumfang von 114 Fachleistungsstunden pro Teilnehmer zu rechnen. Für die Vor- und Nachbereitung werden 20 Stunden je Teilnehmer angesetzt.

d) Zusatzleistungen:
Als zusätzliche trainingsbegleitende Angebote sind individuelle Hilfessettings im Bedarfsfall möglich.

Methodenbeschreibung
Die Teilnehmer verpflichten sich per Vertrag zur aktiven Teilnehme. Sie akzeptieren die Regeln und sind motiviert, während des Zeitraums des AAT/CT gewaltfrei zu leben. Der prozessorientierte Ablauf vertieft das zu Beginn vermittelte Basiswissen, fördert soziale Kompetenz und nimmt die Teilnehmer in die Verantwortung. Hierbei wird die Gewalthandlung als Kompensation von Mickrigkeit (Hamelner Modell) herausgearbeitet; gleichzeitig wird der Selbstwert beim Teilnehmer gestärkt.
Der Jugendliche erlebt ein Setting aus Beratung und Training mit therapeutischen und erlebsnisorientierten Elementen. Anfangs wechelsn sich gruppendynamische Übungen mit gesprächszentrierter und themenorientierter Herangehensweise ab. Vorhandene positive Fähigkeiten und Fertigkeiten werden aufgezeigt, neue werden erfahren und trainiert. Handlungsorientierte Elemente wie Rollenspiel, Schauspiel, Deeskalationsübungen, Anti-Blamiertraining, Provokationstraining und der “Heiße Stuhl” ermöglichen Grenzerfahrungen und vermitteln lebenspraktische Handlungskompetenzen.
Durch erlebnisorientierte Kursbestandteile (z.B. Wandern, Klettern, Kanutouren, Kampfsport) werden alternative Freizeitgestaltungsmöglichkeiten erfahrbar gemacht und neue Interessen geweckt.
Durch konfrontative Gesprächsführung sowie provokante Körperlichkeit werden Verleugnungsstrategien aufgebrochen und die Frustationstoleranz erhöht. Eine ehrliche Form der Wiedergutmachung ist angestrebt. Diese aufeinander abgestimmten Elemente des AAT/CT tragen zur beabsichtigten Verhaltenänderung bei.

Kooperation
Um kursspezifische Angebote durchführen zu können, bestehen Verbindungen zu Sportvereinen, Jugendherbergen / Zeltplätzen und erlebnispädagogischen Anbietern. Angestrebt wird eine enge konstruktive Kooperation zu den zuständigen Sozialarbeitern der sozialen Dienste und der Jugendgerichtshilfe des Jugendamtes Erfurt. Darüber hinaus kooperiert das KJL sowohl mit Schulen, überbetrieblichen Ausbildungsträgern als auch mit anderen freien Jugendhilfeträgern. Es bestehen Kontakte zu Psychologen und Therapeuten.